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Organisation und Moral
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Organisationen sind die mächtigen Akteure der Moderne. Sie, nicht wir individuellen Akteure, bestimmen heutzutage, was sein soll – E.on und Vattenfall, Microsoft und Google, Unternehmen und Non-Profit-Organisationen, Regierungen und NGOs. Sie steuern, was kreucht und fleucht, was, wo und wie wir produzieren, wie und wo wir arbeiten und wohnen, was und wo wir einkaufen, wie wir kommunizieren und uns informieren – Google-Ziel laut Firmenprofil: 'die Informationen der Welt organisieren' – und was wir erleben in der Erlebnisgesellschaft. Sie sollen Effizienz und Verlässlichkeit gewährleisten, und oft genug tun sie das auch. Von den Korruptionsskandalen bei Siemens und VW bis zur Finanzkrise, von Behördenwillkür bis zur Bioethik zeigt sich jedoch: Organisationen sind zweitens Orte normaler moralischer Katastrophen, drittens Moralverdrängungsmaschinerien, viertens Fabrikationsstätten selbstbescherter Legitimation. Wie ist das möglich? Wie funktioniert es? Ortmann hat kein Buch über Organisations-, Unternehmens- oder Wirtschaftsethik geschrieben, sondern eines über Moralverdrängung und Legitimationsfabrikation in und durch Organisationen – keines über die schöne Welt des Sollens, sondern eins über die weniger schöne Welt des Seins. An Ethik, so unverzichtbar sie ist, stört ihn die verbreitete Neigung, den gehobenen Busen für den Blasebalg Gottes (Nietzsche) zu halten. Er konzentriert sich stattdessen auf zwei Fragenkomplexe: • Welches sind die organisatorischen Mittel und Mechanismen der Moralverdrängung? Wie schaffen Organisationen es, für institutionelles Vergessen, für die Diffusion von Verantwortung, für Abschottung, für moralische Indifferenz, womöglich für blinden Gehorsam und gar Gewaltbereitschaft zu sorgen? • Wie bewerkstelligen es Organisationen, ihr Tun und Lassen mit Legitimation, und sei es mit dem Anschein von Legitimität, auszustatten? Welche Rolle spielen dabei organisierte Scheinheiligkeit und Legitimationsfassaden; Organisationszwecke, die die Mittel heiligen; interne Regelwerke; Legitimation durch Verfahren; Definitionsmacht und 'Zurechnungspolitik'; ferner und nicht zuletzt der gewaltige Einfluss von Organisationen, besonders Unternehmen, auf Recht und Politik? Für Antworten zieht der Autor eine ganze Reihe von Theorien zu Rate – das Spektrum reicht von Mertons Theorie der Referenzgruppen über den linguistic turn bis zu Derridas Denken der Dekonstruktion. Auch ökonomische Theorien spielen ihre Rolle. Der Funktionalismus der Systemtheorie Luhmanns ist Gegenstand der Kritik. Alles wird zu einer Theorie der (Moralität und) Amoralität von Organisationen verarbeitet. Immer bleibt das Buch der Organisationspraxis dicht auf den Fersen. Deren dunkle Seite wird durch eine Fülle von Beispielen illustriert. Das Sündenregister von Organisationen ist lang. Es kommen vor: die dubiosen Praktiken der Wasserwirtschaft und der CIA, der Tabak-industrie und der NASA, der Pflanzenschutzhersteller und des amerikanischen Justizministeriums, der Wirtschaftsprüfer und der Regulationsbehörden, um nur einige zu nennen. Unternehmen sind da nur ein (allerdings wichtiger) Sonderfall. Es geht um Organisationen aller Art. Es geht um die Form der Organisation und ihren gedeihlichen, besonders aber ihren verderblichen Einfluss auf die herrschende Moral.

Anbieter: Orell Fuessli CH
Stand: 05.12.2019
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